Gefunden haben wir die MemoreBox des jungen Hamburger Unternehmens RetroBrain. Hierbei handelt es sich in erster Linie um eine Hilfestellung für ältere Menschen. Die MemoreBox verbindet therapeutische Übungen mit einem Videospiel. Unterschiedliche Spielmodule stimulieren die kognitive Leistungsfähigkeit, die Motorik und fördern die Geselligkeit und bieten Spaß. Die MemoreBox wird vorwiegend in Seniorenheimen eingesetzt, bietet die Möglichkeit therapeutische Übungen in einem ganz anderen Setting unterzubringen, entlastet das Personal und unterstützt Therapeuten. Zur Auswahl stehen Spiele wie Kegeln, Motorradfahren und das Austeilen von Zeitungen – ständig wird an neuen Ideen getüftelt. Die virtuelle Umgebung führt die ältere Generation in ihre Jugend zurück – z. B. wird Musik aus dieser Zeit gespielt und die Autos und Gegenstände stammen aus den 1950er Jahren.

Wir haben uns zu den jungen Entwicklern und Gründern von RetroBrain aufgemacht, um die Idee hinter der MemoreBox und der Unternehmensvision zu beleuchten. Wir wollten wissen wo es evtl. Schwierigkeiten gab und was die Zukunft im besten Fall zu bieten hat.

Mondosano: Welcher Wunsch, welche Idee stand am Anfang des ganzen Projekts?

RetroBrain: Älteren Menschen zu helfen! Insbesondere wenn man sich anschaut was die heutige Technik bieten kann und wie wenig dieser Fortschritt im therapeutischen Kontext oder im Lebensalltag älterer Menschen angewendet wird. Einfach gesagt ist die Idee hinter der MemoreBox das, was bereits jüngeren Menschen Spaß, Lebensqualität und Gesundheit bringt, der älteren Generation zugänglich zu machen.

Wie lange hat es vom Zeitpunkt des ersten Geistesblitzes bis hin zur Verwirklichung der Idee gedauert?

Die erste Idee entstand in einem studentischen Umfeld Ende 2012. Wir haben im Freundeskreis den Gedanken als Ping-Pong kreisen lassen und so konkretisiert. Als Spin-Off der Humboldt Universität haben wir unser Start-up RetroBrain Ende 2014 gegründet.

Wie seid ihr in Kontakt mit den euch unterstützenden Organisationen getreten?

Das spannende hierbei ist, dass eine große gesetzliche Krankenkasse auf uns zu kam. Wir hatten die Möglichkeit in einer Pendeldiskussion auf einem Gesundheitswirtschaftskongress unsere Unternehmensidee, unsere neuen Lösungsansätze vorzustellen. Dort haben wir dann festgestellt, dass gerade die Krankenversicherungen ein großes Interesse haben innovative und skalierbare Lösungen zu finden, die im Bereich Prävention und gesundes Altern angewendet werden können.

Wobei die MemoreBox doch mehr ist als bloß Prävention. Sie ist doch auch Therapie!

Ja. Die MemoreBox integriert therapeutische Übungen aus der Physio- oder Ergotherapie und kognitives Training – somit verknüpft sie Therapie und Prävention.

War der Erstansatz der Präventive oder der Therapeutische? Oder war es von Anfang die Vision beide Bereiche miteinander zu verbinden?

Tatsächlich waren die beiden Bereiche von Anfang an stark miteinander verknüpft. Schaut man sich neurodegenerative Erkrankungen wie z.B. Alzheimer Demenz an, dann ist auf lange Sicht auch das Sturzrisiko ein großes Problem. Mit der MemoreBox können wir in diesem Krankheitsfeld Übungen bieten, die sowohl präventiv als auch therapeutisch bei altersbedingten Erkrankungen Wirkung entfalten.

Wo liegt denn nun der Hauptnutzen der MemoreBox für die Bewohner/Patienten?

Uns war es ganz wichtig für die Bewohner eines Seniorenheims bzw. den Patienten in der Klinik eine Lösung zu entwickeln die nicht nur die Übungen trocken in eine digitale Form überführt, sondern gleichzeitig Spaß bringt und damit die Lebensqualität erheblich steigert. Es ist also eine Verbindung zwischen Gesundheitsförderung und Unterhaltung. Übungen werden dadurch nicht mehr nur zu einem lästigen Muss innerhalb der Therapie oder des täglichen Lebens, sondern bringen Freude. Durch die Verbindung zwischen Spaß und Gesundheit wird auch gleichzeitig die medizinische Bereitschaft der Patienten erhöht. Die Übungen, die der Therapeut vorschlägt, können häufiger selbstständig im Alltag untergebracht werden. Die Autonomie der Bewohner und Patienten wird gestärkt. Durch Freude und Spaß wird im Gehirn Dopamin ausgeschüttet, dieser Zusatznutzen treibt den Genesungsprozess voran.

„Die MemoreBox kann man nicht erklären, man muss sie spielen und erleben“

Wart Ihr mal vor Ort und habt euch angeschaut wie die Bewohner die MemoreBox anwenden?

Ja. Wir waren von Anfang an mit frühen Testversionen der MemoreBox in Seniorenheimen und Krankenhäusern unterwegs. Um zum einen den Bewohnern und Patienten eine Hilfe mit an die Hand zu geben und zum anderen um zu zeigen, wie einfach sich die Box in den Alltag integrieren lässt.

Wie viel Boxen sind derzeit in Hamburg im Umlauf?

Um die 20. Wobei die MemoreBox in ganz Deutschland eingesetzt wird.

Aktuell werden klinische Studien durchgeführt, die den therapeutischen Nutzen der MemoreBox nachweisen sollen. Wie schwer war es den Patienten diese neue „Therapie“ und vor allem dem Personal diese neue Option nahezubringen?

Wir erleben eine hohe Aufgeschlossenheit bei allen Gruppen – sowohl Patienten als auch Pflegern und Therapeuten. Es besteht einfach ein hohes Bedürfnis Lösungen zu haben mit denen man Patienten mehr bieten und sie besser betreuen kann. Wenn den Gruppen dann einfach gezeigt wird wie die MemoreBox angewendet wird und was sie kann, ist es selten ein Problem. Ein großer Motivator der älteren Studienteilnehmer ist es künftigen Generationen durch die Unterstützung dieser Studie etwas Gutes zukommen zu lassen und ihnen mehr Möglichkeiten auf lange Sicht bieten zu können.

Gab es rechtliche oder ethische Schwierigkeiten bei der Initiierung dieser klinischen Studie?

Die Durchführungskompetenz liegt bei unserem wissenschaftlichen Partner. Da die Studie im akutklinischen Bereich der Charité in Berlin durchgeführt wird, liegt die Aufgabe bei den Kollegen der Charité. Der obligatorische Ethikantrag wurde dort auch problemlos vorgebracht und zustimmend bewertet. Die Ethikkommissionen stehen derartigen neuen Wegen offen und mit wenig Skepsis gegenüber.

Immer wieder erleben wir von Mondosano eine große Skepsis der Bevölkerung gegenüber klinischer Forschung. Woher kommt eures Erachtens der schlechte Ruf der klinischen Forschung in Deutschland?

Ist denn der Ruf wirklich schlecht? Es sind doch eher ein paar Teilbereiche. Es gibt viele Fehlinformationen die herumgeistern und zu einer falschen Wahrnehmung führen. Wenn berichtet wird, werden oft nur die negativen Punkte erwähnt und selten das Gute. Die absolute Notwendigkeit von wissenschaftlicher Forschung wird einem häufig erst dann bewusst, wenn man selber in diesem Bereich tätig ist. Wir alle profitieren von wissenschaftlicher Forschung, von wissenschaftlichen Studien, vom technischen Fortschritt und von neuen Medikamenten die uns länger gesund halten. Meistens verbinden wir all das jedoch nicht mit den darunterliegenden Prozessen, weil wir an der Entwicklung selbst nicht beteiligt waren. Wir bekommen nur das mit, was gerade Nachrichtenwert hat. Das verursacht eine verzerrte Wahrnehmung.

Wie kann man klinische Studien den Menschen erklären und näherbringen?

Transparent kommunizieren. Und das nicht in nur in Hinblick auf Abläufe, sondern den ganzen Forschungsprozess: Was man durch Forschung erreicht, welche Krankheiten durch die Forschung Linderung erfahren und wie das Leben aller durch Forschung positiv beeinflusst wird. Man sollte den Menschen aber Offenheit und Ehrlichkeit gegenüber zeigen und ihnen nicht vorgaukeln, dass bei jeder Studie etwas rauskommt was den Menschen hilft. Es ist auch wichtig darüber zu berichten, dass bestimmte Dinge sich als nicht nützlich oder gar schädlich erwiesen haben. Es darf nicht der Eindruck vermittelt werden, dass derartige Informationen unterdrückt werden.

Wenn Ihr euch ein Krankheitsbild aussuchen könntet über das ihr uneingeschränkt (monetär) forschen könntet, welches wäre dies und warum?

Das Alter. Wir kommen aus dem Bereich der altersbedingten Erkrankungen. Was aber nicht bedeutet, dass Erkrankungen die im Alter gehäuft vorkommen, kein Problem jüngerer Generationen darstellen. Wenn wir uns anschauen was unsere Gesellschaft an größeren gesundheitlichen Problemen vorzuweisen hat und der demographische Wandel noch dazu gerechnet wird, werden die altersbedingten Erkrankungen auch künftig ein großes Problemfeld der aktuell noch jüngeren Generationen darstellen.

Mondosano fängt an, RetroBrain bringt es zu ende

Alt werden bedeutet …

J. Amadeus Waltz: … die Möglichkeit, aktiv zu bleiben.
Laurin Rötzer: … kommt ganz drauf an, ist sehr individuell.

Gesundheit ist …

J. Amadeus Waltz: … Lebensqualität!
Laurin Rötzer: … der Zustand, in dem man sich nicht krank fühlt.

Medizinsicher Fortschritt bedeutet …

J. Amadeus Waltz: … Gesundheit.
Laurin Rötzer: … neue Therapien zu entwickeln und sehen, was in der Vergangenheit schieflief.

Klinische Forschung ist …

J. Amadeus Waltz: … Wissenschaft.
Laurin Rötzer: … ein wichtiges Thema.


Laurin Rötzer – Chief Science Officer
verantwortlich für Medizin und Scientific Community

J. Amadeus Waltz – Geschäftsführer
verantwortlich für Rechtliches und Unternehmensführung.

Das könnte Sie auch interessieren

Wer forscht woran in klinischen Studien?

Unsere Empfehlung

Wer forscht woran in klinischen Studien?

Unterschiedliche Institutionen, Unternehmen oder Arbeitsgruppen forschen an neuen Therapiemöglichkeiten für eine Vielzahl verschiedener Krankheitsbilder. Die Experten von Mondosano klären Sie darüber auf.

Mehr erfahren
Eine Forscherin berichtet aus ihrem Alltag

Unsere Empfehlung

Eine Forscherin berichtet aus ihrem Alltag

Am Rande des diesjährigen ECCMID-Kongress hat sich Mondosano aufgemacht um mit einer in der Forschung tätigen Biologin zu sprechen. Wie wurde sie das was sie heute ist und an was für ein Projekt arbeitet sie gerade? Wir nehmen Sie gerne mit auf diese spannende Reise und vielleicht können wir Sie mit dem Fieber der Forschung infizieren.

Mehr erfahren
Was kostet die Entwicklung eines Medikaments?

Unsere Empfehlung

Was kostet die Entwicklung eines Medikaments?

Von der Idee bis zu der Markteinführung eines neuen Medikaments müssen viele Schritte gegangen und Gelder investiert werden. Die Hürden sind enorm.

Mehr erfahren